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Der Nashornkäfer. Im Universum Waldboden ist er ein wahrer Riese, wir Menschen übersehen ihn beim Spaziergang aber glatt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diplopoden wie der Saftkugler gehören zu den schwer gepanzerten Wesen der Unterwelt. Und falls das zur Feindabwehr mal nicht ausreicht, dann haben sie für besonders hungrige Mäuler noch eine Ladung Gift in petto.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fliegenpilz: Was wir von ihm sehen ist nur der Fruchtkörper, die winzige Spitze des Pilzes. Unterirdisch schließt sich ein wahrhaft gigantisches Geflecht an, bei einigen Pilzarten reicht es kilometerweit.

 

 

 

 

 

   

 

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Universum Waldboden

 

(erschienen in: Natur&Kosmos 2006)

 

Im Waldboden lebt ein Heer von seltsamen Gestalten. Sie sind bestückt mit Borsten, Dornen und Widerhaken, mit Krallen, Saugnäpfen und Grabschaufeln. Mal sind sie friedlich, mal sind sie tödlich - ohne sie würde aber nichts gedeihen. Einer von ihnen ist ein Diplopode, der zum Lebewesen des Jahres 2006 erkoren wurde .

 

„Hier gibt's doch überhaupt nichts zu sehen“, murrt der neunjährige Timo auf dem sonntäglichen Waldspaziergang. Es ist aber auch wie verhext. Da hat man mit Mühe und Not die Jungen überredet mal mit an die frische Luft zu kommen, hat den Spaziergang aus Überredungstaktik als eine „richtige Expedition in die Wildnis“ angekündigt, und dann lässt sich kein Wild blicken. Michel jammert schon, dass er jetzt viel lieber daheim den Film mit den Dinosauriern gucken würde. „Da sind wenigstens jede Menge Tiere zu sehen“, kommt noch der Seitenhieb.

 

„Schon mal einem Diplopoden begegnet?“ frage ich. „Du meinst wohl Di – plo –do – cus“, antwortet Michel ganz schlaumeierisch, „den Pflanzenfresser aus der Kreidezeit. Dem kann man nicht mehr begegnen, denn der ist ausgestorben.“ „Nein, ich meine Di – plo – po – de und der ist ganz in der Nähe“, und ziehe quasi meinen Trumpf As aus der Jackentasche, eine Lupe mit sechsfacher Vergrößerung. Verdutzt schauen die zwei zu, wie ich auf allen Vieren über den Boden krieche, hier und da einen Stein umwälze, mit den Händen die Erde beiseite schiebe und mit dem Vergrößerungsglas den Waldboden absuche. Bald schon habe ich den diskutierten Kandidaten gefunden. Ein etwa zwei Zentimeter langer, mit Panzerschuppen gerüsteter Tausendfüßer, der nach dem ersten Schreckmoment sofort wieder versucht in sein Erdreich zu entweichen. Als die beiden Jungen an die Lupe drängen um den kräftigen Marschierer zu betrachten, habe ich längst gewonnen: Nicht nur, weil der Diplopode wie ein wahres Urtier aussieht, sondern weil sich beide nun auf eine Expedition in eine fremde Welt eingelassen haben.

 

Ziemlich viel los da unter unseren Füßen

 

Es ist kein bloßer Taschenspielertrick, mit dem man Kinder begeistern kann. Bei näherer Betrachtung wird auch jeder Erwachsene erstaunt sein, über welch faszinierendes Universum wir mit unseren Füßen laufen. Der Erdboden ist kein unbelebter Klumpen sondern der gigantische Wohnkomplex des Edaphons, wie Wissenschaftler die Gemeinschaft der pflanzlichen und tierischen Organismen bezeichnen. Ein unvorstellbares Gewirr aus Höhlen, Gängen, Klüften, Rissen, Spalten und Poren durchzieht den Untergrund und schafft so reichlich Lebensraum, den wir nur nicht wahrnehmen. Alles eine Frage der Perspektive. Aus dem Blickwinkel eines Riesen wären auch unsere Großstädte nur eine leblose Steinfläche. Dass in den Betonklötzchen Millionen Menschen leben, würde er von seiner Warte aus wohl kaum vermuten. Mit dem Erdboden verhält es sich ähnlich, nur eben im weit gigantischerem Ausmaße: Jedes Gramm Boden bietet mit bis zu zwei Quadratmeter Partikeloberfläche ausgedehnte Siedlungsräume für Organismen. In einem Löffel Waldhumus hausen mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde. Mit einer Schubkarre voll Erde fährt man eine Zahl an Bewohnern spazieren, die ins Unvorstellbare geht: An die 100 Regenwürmer wird man dort finden, etwa 20000 Rädertierchen, 30000 Borstenwürmer, 100000 Springschwänze, 700000 Milben, je eine Million Wimpertierchen und Fadenwürmern, zehn Millionen Wurzelfüßer, 100 Millionen Geißeltierchen und Algen, 100 Milliarden Pilze, und die Zahl der Bakterien dürfte bei 100 Billionen liegen. ...

 

 

 
 

Jürgen Heup ©Fotos Pixel-Quelle