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Alle wollen wandern, wollen nach 80 Kilometer Fußmarsch wieder in diese Sporthalle in Sittard zurückkehren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gewinner für Deutschland? Na, jedenfalls zu früher Stunde noch guten Mutes.

 

 

 

 

 

Nicht unterwegs um schöne Landschaften zu sehen. Für die Wanderer geht´s nur um ein Erlebnis: Gehen und ankommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

50 Meilen musst Du gehen -

 

Volkswandertag im Dreiländereck

 

Nordic Walking und Wandern liegen bei uns im Trend. Doch wer jetzt denkt, wir seien schon ziemlich fit unterwegs, der sollte mal an einer Wanderung bei unseren Nachbarn in den Niederlanden teilnehmen. Die sind nämlich nicht nur verrückter und fröhlicher, sondern vor allem richtig gut zu Fuß. Eine Reportage über den holländischen Kennedy-Marsch, seine Entstehungsgeschichte und seine Torturen.

 

 

Immer mehr Menschen drängen in die riesige Sporthalle, versammeln sich auf dem Spielfeld oder harren in den Schlangen vor den Eingangstüren aus. Auf der Zuschauertribüne spielt eine Blaskapelle flotte Swing-Rhythmen. Doch die Menschen blicken gebannt an den Musikanten vorbei an die Hallenwand: Dort hängt eine große Uhr. Sie zeigt wenige Sekunden vor fünf Uhr - früh morgens. Die Band spielt einen Tusch, das ist der Startschuss. Das große Hallentor öffnet sich für den Kennedy-Marsch von Sittard in den Niederlanden. Zusammen mit 3000 Menschen mache ich mich auf einen 80 Kilometer langen Weg, um am Ende genau an denselben Ort wieder zurückzukehren.

 

John F. Kennedy hat die Sache ins Laufen gebracht. Das heißt, eigentlich waren es die Fettleibigen unter seinen Landsleuten. Der ehemalige US-Präsident ärgerte sich derart über den körperlichen Zustand der Amerikaner, dass er sein Ungehalten in einer provokanten Rede Luft machte: Er glaube, dass die meisten Menschen westlicher Wohlfahrtsstaaten so verweichlicht seien, dass sie ohne Training nicht einmal 50 Meilen innerhalb von 20 Stunden zurücklegen könnten, sagte Kennedy. Das war Anfang der 60er Jahre.

 

Km 0-5: Kinderkram

 

Der Strom an Wanderern schlängelt sich durch die Stadt, quert die Hauptverkehrsstraßen, schiebt sich durch ein Reihenhaus-Viertel weiter ins Stadtzentrum, durch die Fußgängerzone und dann Richtung Stadtausgang. Nur das dumpfe Trappeln vieler tausend Turnschuhe und Wanderstiefel ist in der kühlen Morgendämmerung zu hören. Sonst ist es gespenstisch still in der Kleinstadt. Kaum Stimmen, kein Autoverkehr. Polizei und Ordner haben den Straßenverkehr gesperrt. Die Geschäfte sind noch geschlossen. Aus dem einen oder anderen Fenster der roten Backsteinhäuser lugen neugierige Köpfe hervor. Kinder in Schlafanzügen stehen hinter großen Wohnzimmerscheiben und winken. Zeugt ihr schelmisches Lächeln etwa davon, dass sie bereits wissen, was einem beim Kennedy-Marsch noch so alles blüht? Im Schritttempo geht es voran - aber im verdammt zügigem.

 

Die Rede Kennedys hörten auch vier Schüler eines Gymnasiums in der niederländischen Provinz Limburg. Hatte der Präsident Recht? fragten sie sich. Und wie schwer war es wohl, 50 Meilen - also 80 Kilometer - in dieser Zeit zurückzulegen? Um Antworten zu erhalten verabredeten sie sich mit einigen Freunden. Die Praxis sollte zeigen, ob sie diese Strecke bewältigen könnten. Am 20. April 1963 gingen vier Mädchen und sieben Jungen in Sittard, einer Kleinstadt nordwestlich von Aachen, los und wanderten durchs Dreiländereck. Sie überquerten die deutsche Grenze vorbei an verblüfften Zöllnern, dann wendeten sie sich nach Belgien und kehrten schließlich zurück ins niederländische Limburg. Nach gut 19 Stunden erreichten zehn Starter total erschöpft aber glücklich ihr Ziel. Nur eines der Mädchen hatte zwischendurch die Nase gestrichen voll und war mit dem Bus zurückgefahren.

 

Km 5-18: Wander-Typen

 

Um grandiose Landschaften zu sehen, nimmt wohl keiner am Kennedy-Marsch teil. Das erste Teilstück führt durch flaches, braunes Ackerland, das jetzt im Frühjahr kahl und besonders trostlos erscheint. Wer jetzt mal muss, der kann a) entweder bis zum ersten Versorgungspunkt bei Kilometer 18 warten, b) sich ein gutes Stück von der Strecke entfernen und nach nicht vorhandenen Büsche umschauen oder c) - wie etliche - ungeniert am Feldrand austreten. Das lassen die Vorbeiwandernden allerdings nicht unkommentiert. Pfiffe, Rufe und lautes Lachen. Die Stimmung unter den Wanderern ist mittlerweile hörbar gut. Mit den ersten Sonnenstrahlen scheinen sie erst erwacht zu sein. Eine Gruppe Jugendlicher diskutiert übers Frisieren von „Brommers“, wie Mopeds in Holland heißen. Eine Gruppe Mädchen ist vertieft in die Beziehungsgeflechte der Klassenkameraden. Einige ältere Frauen erinnern sich an das Wetter der letzten zehn Kennedy-Märsche. Eifrige Unterhaltungen überall. Meistens sind es Niederländer, aber auch französische und deutsche Gesprächsfetzen sind beim Überholen herauszuhören. Ein sehr gemischtes Teilnehmerfeld. Nicht wie erwartet nur olympische Geher-Typen in eng anliegenden Stretchklamotten, oder monströse Kommandosoldaten in Tarnanzügen, oder die von unzähligen Alpentouren ledergegerbten Wander-Omas und -Opas in Kniebundhosen. Im Gegenteil. Das Gros des Starterfeldes sieht eher aus wie Leute, die sich auf dem Weg zum Freibad befinden: bunte Sommerkleidung und Turnschuhe, manche mit kleinem Rucksack, Brille im Haar und dem Duft nach Sonnencreme. Zehnjährige sind darunter und über 70-jährige. Fast so viele Frauen wie Männer sind dabei. Und überraschend viele Jugendliche, viele junge Mädchen scheinen die Scharte vom ersten Kennedy-Marsch auswetzen zu wollen.

 

Trotz der Qualen, die die elf Jugendlichen bei ihrem ersten 50 Meilen Marsch 1963 erlebt hatten, beschlossen sie, auch im darauf folgenden Jahr wieder loszuwandern. Sie gründeten ein Komitee, das den Marsch in Zukunft organisieren sollte. Unter den ersten Teilnehmern war auch Ad van der Loo gewesen, damals 17 Jahre alt. Er war so sehr der Idee verschrieben, dass er bald seine ganze Familie in die Koordination mit einband. So sind auch heute - 42 Jahre später - noch vier der sechs Vorstandsmitglieder van der Loos. Und Vorsitzender ist selbstverständlich Ad van der Loo.

 

 

Teil 2 : hier

 

 

Jürgen Heup ©Foto PixelQuelle